Diese Geschichte

 

Man könnte diese Geschichte auf vielerlei Weise erzählen - ich kann nur erzählen, wie ich sie erlebt habe. 
Ich habe so um die 2008 einen Illustrator für mein Kinderbüchlein "Wo ist Papa?" gesucht. 

Dann sah ich Jacky's "Hat Opa einen Anzug an?" mit Amelie Fried und ich wusste, die will ich, die und keine andere.
Und sie hat auch für dieses Büchlein wunderbare Illus gemalt, noch mit einer ausgetüftelten Seitenaufteilung. 
Ich habe mich immer daheim gefühlt in ihren, und verwende den Begriff sehr bewusst: Malereien.

Preise sind ihr glaube ich ziemlich wurst. So viele, wie sie jetzt schon hat.

Obwohl ihr noch viele zuständen.
Über 90 Bücher hat sie jetzt schon illustriert.
Und irgendwie spüre ich, hat sie sich inhaltlich und formal auch auf eine neue Reise begeben...

Das letzte Buch ist noch nicht gemalt!

Kai Kittelberger

PS: Jacky ist in ihrem Holzhaus duchaus zu Kompromissen bereit.
Gilt aber nur für Holzhacker. 

Gegen eine Fuhre bekommst Du ein gutes Esssen.

Ab 2 Fuhren kann sich ein angenehmes Gespräch entwickeln, 
Aber man kann dann ja nicht mitschreiben, falls Sie JournalistIn sein sollten, mit beiden Hände an der Axt. 

Back to Business: Jacky ist für mich ein Maler. 
Ich persönlich an ihrer Stelle würde die Holzhacker portraitieren, in einem Stil, den sie will und wählt - oder eben im Jacky Stil.

Portraits sind hochbezahlt.

Aber, und das ist meine ehrliche Meinung

Jacky, ein schönes Kinderbuch, das in die Seele des Kindes blintzeln kann, 
und das Kind blinzelt zurück, und wird ihn vielleicht mit 70 Jahren noch zu einem leiseln Lächeln bringen kann. 
Gibt es etwas Wunderbareres außßer vielleicht Curry Spezial?

Vom Zauber der bewegten Bilder

In Jacky Gleichs Leben gab es einige Zufälle, die man im Nachhinein betrachtet als schicksalhaft bezeichnen möchte. Aufgewachsen in der DDR hätte sie gerne Archäologie studiert, aber da die Orte ihrer Sehnsucht, Griechenland oder Ägypten, für sie unerreichbar gewesen wären, entschied sie sich für ein Volontariat beim Fernsehen der DDR im Bereich Szenenbild. Daraus folgte 1984-87 ein Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg und an der Kunsthochschule Dresden – Fachrichtung Animation. Ihr erstes Engagement hatte sie 1987-90 im Sandmannstudio in Berlin. Hier wurde zunächst heimlich, später geduldet, viel Neues ausprobiert. Jacky Gleich konnte eigene Filme drehen und eine eigene Animationsgruppe aufbauen. Nach der Wende wurde das Studio zum 31.12.90 abgewickelt. 

1990-92 arbeitete Jacky Gleich in einem Westberliner Trickfilmstudio und gründete 1993 zusammen mit Freunden das Trickfilmstudio KREATUR – mit eigener Technik und in eigenen Räumen mit fast ausschließlich frei finanzierten Filmen.  

„ Zum Bilderbuch kam sie dann durch Zufall, Fügung vielleicht: Zu einer Filmpremiere brachte jemand eine Amelie Fried mit – die in den Filmentwürfen das Potential für die Illustration ausmachte und damit sogleich zum Hanser Verlag marschierte. ...

1995 veröffentlichte sie ihr erstes Bilderbuch mit einem Text von Brigitte Schär, mit dem gewissermaßen programmatischen Titel: Das geht doch nicht! (Hanser 1995). Programmatisch deshalb, weil Jacky Gleich sich im Laufe ihrer Bilderbuchkarriere gegen jedes „Das geht doch nicht!“ vonseiten der Marketing-Macht der Verlage stemmte und lieber kleine Auflagen in Kauf nahm, als ihren Stil gefälliger zu gestalten.   

So entwickelte sie eine ganz und gar unverwechselbare Bildsprache, die sich von der Kraft der bewegten Bilder her entwickelte. Ihre Figuren agieren in Räumen, deren oft verzerrt wirkende Perspektiven dem Geschehen eine ganz eigene Dynamik verleihen. 

„Müsste ich einen Studienplan für Illustratorinnen aufstellen, wären meine ersten Maßnahmen die Einführung einer täglichen Filmvorführung, vorzugsweise schwarzweißer Filme, als  Hausaufgabe täglich ein Fotobuch und monatlich eine Ausstellung. Außerdem würde ich im ersten Studienjahr das Verbot verhängen, die Arbeiten anderer Illustratorinnen anzuschauen - jedenfalls so lang, bis jede den ganz eigenen Ausdruck gefunden hat, unabhängig von Marktanforderungen oder Modeströmungen.“  Diese pädagogisch unorthodoxen Forderungen, formuliert in ihrem Aufsatz:

„Bilder finden, um die Einbildungskraft zu beflügeln - Wie ich vom Film zum Buch und zurückkomme.“ sagen sehr viel aus über die Arbeitsweise von Jacky Gleich und zeigen wie sehr sie geprägt ist von ihrer Arbeit mit Filmen und im Trickfilmstudio. Mit ihrem eigenwilligen  Illustrationsstil und - zusammen mit ihren Autorinnen – auch mit einem neuen Erzählton mischte Jacky Gleich den bis dahin vorwiegend braven, konservativen Bilderbuchmarkt auf.  

„Mit  Hat Opa einen Anzug an?  haben die Illustratorin Jacky Gleich und die Autorin Amelie Fried gleich mehrere Tabus gebrochen: Sie haben einen Todesfall thematisiert, die Geschichte in dunklen Erdtönen illustriert und auf einer der Abbildungen Einblick in einen offenen Sarg gewährt. 

Kurz: Sie haben ein Bilderbuch vorgelegt, das nicht nur auf Vorbehalte von Verlagsvertretern, sondern allgemein von Erwachsenen stößt.“, schreibt Doris Breitmoser in ihrem Beitrag: 

„Von Tod und Sterben. Zum Deutschen Jugendliteraturpreis 1998 für das Bilderbuch

Hat Opa einen Anzug an?. “  

Dass sie mit diesem, ihrem vierten Bilderbuch zusammen mit Amelie Fried den begehrten Jugendliteraturpreis erhielt, war für Jacky Gleich eine wichtige Bestätigung ihrer Entscheidung, sich ganz der Buch-Illustration zu widmen. Aber nicht nur die bewegten Bilder, auch die Technik, auf Folien zu malen, nimmt Jacky Gleich aus ihrer Arbeit im Trickfilmstudio mit hinüber in ihre neue Darstellungsform. So sind die Bilder für das preisgekrönte Bilderbuch mit Ölfarbe auf Folien gemalt und ermöglichten ihr so, durch Kratzen und Verwischen eine ganz eigene Fragilität und Dynamik der Bilder zu schaffen. Passend zum Thema hat sie hier dunkle Brauntöne in mehreren Schattierungen gewählt, die zu Beginn der Geschichte die Trauer des Kindes Bruno betonen und gegen Ende von immer heller werdenden Flächen durchsetzt sind. Der rote Schopf Brunos und sein rotes Mäntelchen zwischen den düsteren Figuren der Erwachsenen bei der Beerdigung signalisieren die Kraft des Kindes, das die Trauer, die die Künstlerin eindrucksvoll durch Körpersprache und Mimik darzustellen vermag, letztlich überwinden kann. 

Auch in: Mama ist groß wie ein Turm (Hanser, 2001) mit einem Text von Brigitte Schär geht es um kindlichen Kummer, als die Mutter den Vater und ihr kleines Mädchen verlässt. Großartig setzt Jacky Gleich die Gefühle des Kindes um, indem sie die Mutter als großmächtige Person malt, die leider nicht mehr in die Wohnung passt und drückt so die übergroße Sehnsucht des verlassenen Kindes aus.

Die Zusammenarbeit mit Brigitte Schär, der Schweizer „Schriftstellerin, Performerin und Vokalartistin“, wie sie sich selbst auf ihrer Homepage vorstellt, gestaltete sich als ideal, denn die beiden jungen Frauen verband ihre Vorliebe für das starke, unangepasste Kind und ihr kämpferisches Naturell. In dem gemeinsamen Erzählband Das Haus auf dem Hügel (Hanser, 1999) fallen die hellen, klaren Farben auf. Auch hier hat Jacky Gleich auf Folien gemalt, was den Bildern ihre Transparenz und Leuchtkraft verleiht und sie zu stimmigen Begleitern der magischen Geschichten von Brigitte Schär werden lässt. Wie  bei  Hat Opa einen Anzug an? steht ein in leuchtendes Rot gekleidetes Kind im Mittelpunkt, rot als Farbe des Mutes und des Aufbruchs. Die Bilder sind voller Bewegung und erzählen die Geschichte weiter, nichts ist statisch, selbst die Häuser scheinen zu tanzen. 

Bei Monsterbesuch (Hanser, 1996) unterstreicht Jacky Gleich die Dramaturgie der Geschichte dadurch, dass sie der ersten Doppelseite eine etwas kleinere, aufklappbare Tür voranstellt, durch die die Monster das Haus betreten.  Indem der Betrachter sozusagen zusammen mit dem Monster die Tür öffnet, zieht ihn die Künstlerin mitten hinein ins Geschehen, dem er sich nicht mehr entziehen kann. Die Figuren sind auf braunes Papier gemalt, wodurch das Unheimliche der Geschichte verstärkt wird. Auch hier wieder das Motiv des starken, mutigen Mädchens, das ohne Hilfe der Erwachsenen das Problem bravourös meistert....

Sei doch mal still ! (Hanser, 2001)  ist ein Bilderbuch mit einem Text in rhythmisierender Prosa von Hanna Johansen, das vom Stillsein und Hören erzählt. Hier zeigt Jacky Gleich ihr ganzes Können in Bezug auf Perspektive und Bewegung. Der Betrachter schaut sozusagen aus Sicht des Kindes zum Geschehen auf, das sich wie auf einer Bühne abspielt und erkennt voller Staunen, was der Künstlerin zu diesem stillen Text von Hanna Johansen eingefallen ist. Die von Jacky Gleich handgeschriebenen Sätze sind, wie in vielen ihrer Bilderbücher, in die Gestaltung der Bilder eingebunden. Aber über den knappen Text hinaus läuft hier quasi ein Film voller Dynamik ab und erzählt eine eigene Geschichte von wilden, freien und glücklichen Kindern.   

„Nach wie vor ist das Spannendste für mich beim Illustrieren: Was passiert eigentlich vor und nach der Szene, die ich gerade zeichne?....Mich interessiert vorrangig Aktion, aber selbst in „stehenden“ Bildern sollte die Frage: „Was kommt jetzt?“ eingeschrieben sein, sozusagen als sichtbare Gedanken.“, so Jacky Gleich in ihrem Artikel „Bilder finden um die Einbildungskraft zu beflügeln“. 

Als Jacky Gleich 2001 gefragt wurde, ob sie Märchen von Franz Fühmann illustrieren wolle, sagte sie begeistert zu, denn mit seinen Geschichten war sie aufgewachsen. In einem Nachwort zu Anna, genannt Humpelhexe  schreibt Peter Härtling über Franz Fühmann: 

„Er litt ...an dem Land, in dem er lebte und starb, der DDR. Er hing an ihm. Nur half ihm das wenig. Denn es redeten eine Menge Leute in seine Arbeit hinein... Schon um sie, die Wortverderber und Gedankenzerstörer, zu überlisten, rief Franz Fühmann Hexen zur Hilfe und wanderte, wenn es ihm zu dumm wurde, ins Märchen aus.“ Jacky Gleich hat sich lustvoll ans Illustrieren dieser Märchen gegen die Zensur gemacht und ihre Bilder zu Anna, genannt Humpelhexe  (Hinstorff 2002), Von der Fee, die Feuer speien konnte  (Hinstorff 2003), Doris Zauberbein  (Hinstorff 2004) gehören zu den schönsten Arbeiten der Künstlerin. 

Auch die Geschichte Der Aufsatz des chilenischen Schriftstellers Antonio Skármeta  (Dressler, 2003) handelt vom Widerstand, von einer Kindheit in der Diktatur, hier allerdings nicht als Märchen getarnt. Mit ihren Illustrationen zu dieser eindringlichen Novelle, gelingt es Jacky Gleich meisterhaft, die Atmosphäre von Angst und Einschüchterung zu verdeutlichen und den Text auf ihre Weise weiter zu erzählen. Das Buch wurde mit dem „Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder- und Jugendliteratur“, 2004 ausgezeichnet.  

2007 erhielt Jacky Gleich den Auftrag Franz Fühmanns Nacherzählung von Shakespeares Sommernachtstraum zu illustrieren. „Ein Dream Team“ hat die Literaturkritikerin Evelyn Finger Franz Fühmann und Jacky Gleich in ihrer Laudatio zum Monatspreis „Luchs der Zeit und Radio Bremen Nr. 244“  für Ein Sommernachtstraum (Hinstorff 2007) genannt und ihre Bilder so gelobt: „Jacky Gleich gibt ihren flächigen, stets ein wenig grotesk proportionierten Figuren ausdrucksstarke Gesichter und hält ihre Szenenbilder in permanenter Bewegung. Vor allem aber folgt sie Fühmanns Genredefinition, wonach im Märchen das Fantastische ganz selbstverständlich real und das Reale ganz selbstverständlich fantastisch sei.“

2009 kam dann noch Das Wintermärchen (Hinstorff 2009) hinzu, ein weniger bekanntes Stück von Shakespeare, in dem es um Misstrauen und Eifersucht zwischen zwei Königen geht, was sich für das ganze Land als Katastrophe auswirkt. Franz Fühmann erzählt dieses Märchen in seiner poetischen Sprache nach, und Jacky Gleich hat die wechselnden Stimmungen der Geschichte kongenial in ihren Bildern umgesetzt. 

„Weltliteratur für Kinder“  nachzuerzählen hat sich auch der Kindermann Verlag zur Aufgabe gemacht und holt sich dazu die besten deutschen Illustratorinnen und Illustratoren. "Der Widerspenstigen Zähmung“(nacherzählt von Barbara Kindermann), 2014  auf sie auf ihre eigenwillig turbulente Weise mit zum Teil grotesk-komisch agierenden Schauspielern auf der Bühne grandios illustriert. Auch die Kindermann-Reihe

 „Poesie für Kinder“ mit Original-Texten hat sie mit einer prall-bunten Interpretation von Schillers „Der Handschuh“ bereichert.   

 

„Ich zeichne gegen die Verniedlichung der Welt

In dieser kindlichen Welt gibt es Komponenten, die immer wieder auftreten:

Die Welt und die Dinge darin sind viel viel größer als man selbst

Sie ist nicht niedlich

Sie ist unglaublich fröhlich und humorvoll – vor allem in den Details

Sie ist sehr logisch und absolut geradlinig

Kinder werden in dieser Welt stark und können gewinnen

es darf in dieser Welt auch Schwäche geben, Unsicherheit, Wut und Trauer, Einsamkeit

und: Es ist alles möglich!“ 

Aus einem Referat von Jacky Gleich bei einer Tagung über „Ästhetische Verfahren in der Kinder - und Jugendliteratur“

Ja, „es ist alles möglich“ für Jacky Gleich, und die Figur des rebellischen, unabhängigen Kindes, dessen Mimik und Körpersprache  Kraft und Willensstärke ausdrückt, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Werk. So auch in Thomas Rosenlöcher/ Jacky Gleich: 

Das langgestreckte Wunder (Hinstorff 2006). Es geht in diesem Leporello um kindliche Allmachts-Phantasie, die hier auf köstliche Weise vorgeführt wird. Was würde passieren, wenn die Beine eines Menschen immer weiter wachsen würden, und wie würden die Menschen reagieren, die mit diesen Beinen konfrontiert würden? Das Leporello ist die ideale Umsetzung dieser lustigen, aber auch hintergründigen Idee des Autors, und Jacky Gleich hat sich über den Text hinaus herrlich komische Szenen ausgedacht und die Geschichte auf ihre Weise weiter erzählt. 

Hilde Elisabeth Menzel 

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* dieser Artikel folgt in Teilen dem Beitrag der Autorin zu Jacky Gleich im 

„Lexikon der Illustration im Deutschsprachigen Raum seit 1945“