"Der Text ist poinitiert und enthält kein Wort zuviel. Das Beste an „Lulu in der Mitte“ jedoch sind Jacky Gleichs Bilder, die einen derart chaotischen Familienalltag zeigen, dass man vor Lachen gluckst....Die preisgekrönte Künstlerin Jacky Gleich hat bisher nahezu 90 Bücher illustriert. Ihren cartoonartigen Zeichenstrich erkennt man sofort. Er ist voller Bewegung, hintersinnigem Witz und zeugt von großer Beobachtungskunst. Aus dem Mienenspiel ihrer Figuren lässt sich jede Gefühlsregung lesen. "

(verena hoenig, lesart über "lulu in der mitte", hanser)

"Wer könnte besser ein solches Familienchaos voller Emotionen illustrieren als Jacky Gleich mit ihrem energischen, energiegeladenen Strich? Nichts ist hier brav, niedlich oder mitleidig, die Bilder sprühen vor Witz und Temperament. Und doch berührt das stille Leid von Lulu den Betrachter sehr durch die differenzierte Mimik und Gestik.

Jacky Gleich malt hier wie meistens in nur wenigen gedeckten Farben in Grün, Orange und Braun, dennoch kann man das turbulente Leben eines mittleren Kindes kaum bunter darstellen..."

(ulrike schultheis, süddeutsche zeitung, "lulu in der mitte" 2020 )

„Jacky Gleich hat einen unverwechselbaren Strich: Immer ist Bewegung in den Bildern, mit speed lines wie im Comic. Dazu setzt sie sparsame Farben … und einen ebenso sparsamen Strich, der kraftvoll das Sehen, Bangen, Grummeln des Kindes zeigt. Dieser Wechsel zwischen zartfühlend und dynamisch und das genaue Gespür für Zwischentöne zeichnen auch den Text aus. … Gut, wenn jeder seinen Platz im Familiengefüge kennt. Wer noch sucht, dem sei dieses Bilderbuch ans Herz gelegt.“

(Klaus Humann, Die ZEIT, 02.04.2020 "lulu in der mitte")

Im Mai 2014 war im Rahmen der Wiener Festwochen eine zuvor bereits in Moskau und im „Theater der Welt“ in Mannheim umfassend bejubelte Inszenierung zu sehen: Tararabumbia. Bereits der Titel verweist auf jene musikalische Bildrevue, die an den staunenden Zuseher_innen wortwörtlich vorbeizog:

Um die achtzig Darsteller ziehen ununterbrochen über einen langen Laufsteg, der sich seinerseits bewegt. Auf dem Laufband sieht man Tschechow-Figuren auf Stelzen, überlebensgroße und ganz kleine Puppen, Menschen, die Drachen steigen lassen und Militäraufmärsche wie man sie aus der Sowjetunion kennt. Regisseur dieser Revue ist der ausgebildete Bühnenbildner Dmitry Krymov, Mitte 50, und Leiter des Krymov Labors in Moskau, das schon einige eigene spektakuläre Inszenierungen geschaffen hat.
 

Schlägt man die erste Doppelseite von „Lulu in der Mitte“ auf, könnte man meinen, auch Jacky Gleich hätte diese Inszenierung gesehen und sich davon inspirieren lassen. Denn wie auf einem Laufband scheinen die Figuren von links nach rechts an einem vorbeizuziehen; allesamt in ungewöhnlicher Dynamik: Vorneweg Kaspar, auf Stelzen, der seine jauchzende Baby-Schwester Leonore in einer Seifenkiste ohne Räder hinter sich herzieht; gefolgt von der Mutter, die mit rettend ausgestreckten Armen und schreckgeweiteten Augen hinter den beiden herhechtet, und deren comicartige Speed-Lines die kleine Lulu umkreisen und beinahe umwerfen. Lulu, die am linken Bildrand zurück bleibt und als einzige nicht in Bewegung ist; vielmehr stellt sie durch ihre leichte, schützende Rückwärtsneigung beinahe eine Gegenbewegung her. Kaspar trägt Kopfhörer. Hört er darin die auf Trommel und Trompete basierende Bühnenmusik von Tararabumbia?
Fast könnte man das glauben, denn mit dem Umblättern läuft erneut ein ganz ähnliches Szenario vor den Augen der Leser_innen ab. Die Chorus Line, die die erste Doppelseite wortwörtlich zur Bühne werden ließ, ist nun verschwunden. Der Bilderbuchraum ähnelt mit seinen wenigen, assoziativen Raum-Requisiten dennoch dem Bühnenraum. Wie in der Londoner „Harry Potter“-Inszenierung scheinen hier mobile Türen, Schränke, Regale in einem dynamischen Hin und Her herein und wieder hinausgeschoben worden zu sein. Und erneut ziehen die Figuren wie auf Dmitry Krymovs Laufband an einem vorbei: Vorneweg erneut Kaspar, diesmal Pilot eines selbstgebauten Karton-Helikopters; dahinter die Mutter, die sowohl die Baby-Schwester Leonore als auch die Stelzen in Sicherheit gebracht hat. In die Bild-Revue reiht sich nun auch die Großmutter ein und (!) bläst jubelnd Kaspars selbstgebaute Trompete. Denn schließlich ist Kaspar in ihren Augen ein außergewöhnlich begabtes Kind, das Melkmaschinen, Kühlschrankventilatoren und Musikinstrumente bastelt. „Irgendwann“, sagt Oma, „bekommst du dafür den Nobelpreis.“
Am linken Bildrand wieder … richtig: Lulu. Zurückgelassen im revueartigen Tumult, der da an uns vorüberzieht. Mit Schere und Papier in der Hand. Und leicht angenervtem, um nicht zu sagen bösem Blick.
Keine Sorge, Lulu wird diese Schere gegen niemanden richten; es handelt sich schließlich nicht um eine Junk-Version der Familienszenen aus Shockheaded Peter. (Auch wenn die Musik der Tiger Lillies ganz wunderbar zu den ersten beiden Doppelseiten passen würde.) Es handelt sich um eine ganz unspektakuläre Geschichte über die Gefühle eines Sandwichkindes, die stets zwischen Omas Putzelchenbegeisterung für die Baby-Schwester und Omas Jubelausbrüche über die zukünftige Nobelpreisqualität des älteren Bruders hindurch fällt. Dabei ist Lulu gar nicht schüchtern, wie ihr kleiner Rache-Akt an Schwesterchen Leonore zeigt; sie ist einfach stiller als das brüllende Baby und der nerdige Kaspar, der schon mal auf Christo (kurzer Gedenkmoment …) macht und die Möbel kunstaktionsreif mit Wollfädennetzen umwickelt. Der Hinweis darauf, kein Baby mehr zu sein, wird je nach elterlichem Bedarf schnippisch variiert und Lulus besondere Gabe nicht recht gewürdigt. Denn Lulu liebt es, Papier zu schnippeln und es wie Konfetti um sich schweben zu lassen.

Micha Friemels Textpassagen sind knappe Verweise auf die Situation, die Jacky Gleich aufgreifen und zu ihrer Bilder-Buch-Bühnen-Inszenierung erweitern kann. Sie arbeitet aus dem leeren Raum heraus und lässt durch ihre Raumgestaltung dennoch die Konstante einer Bewegung von links nach rechts über jede Doppelseite hin erneut wirksam werden. (Selbstverständlich inklusive akzentuierter Gegenbewegungen). Sie arbeitet mit schwarzen Buntstiftkonturen, zum Teil reduziert wie es das La Linea-Männchen war. (Da ist sie wieder, die Linie, die Chorus Line, die Bodenkante, die den Bilderbuchraum strukturiert und den revueartigen Fließbandcharakter im Sinne von Dmitry Krymov aufruft.) Auch wenn die Figuren natürlich nicht dieser Linie entwachsen, sondern fast Schneemann/Schneefrau-artige Köpfe haben und Körper, die durch ihre Kleider angedeutet werden; Kleider aus denen dann die Strichmännchen-Hände und -Füße ragen. Neben dem konturgebenden Schwarz und ein wenig Braun, das der Raumgestaltung dient, bleibt Jacky Gleich dabei auf zwei Farben konzentriert. Auf ein karottenrotes Orange, das zuallererst der karikierenden Andeutung der Frisuren dient, aber auch gemeinsam mit einem Grünblau für die reduzierten Bekleidungsdetails sorgt.
Diesen scheinbaren Minimalismus – und darin liegt der besondere Reiz der Illustrationen – konterkariert Jacky Gleich mit zahllosen Bilddetails: Schuhe im Regal, rote Bälle (Das Haus am Hügel lässt grüßen), Bücher, Bauklötze, die mit dem Umblättern plötzlich riesenhaft erscheinen, Bücher, Teller, Töpfe, Regenschirme. Und natürlich das kleine Zwischenwesen: der Familienhund, der seine ganz eigene Beziehung zum Goldfisch, insbesondere aber zum Baby-Schwesterchen Leonore pflegt. Zu Lulus Unglück dazu erzählt werden also kleine Alltagsszenarien, in denen Klopapier ab- und aufgewickelt wird, während U-Boote in die Badewannen-See stechen. Und immer scheint Lulu dabei viel zu wenig Frei-Raum für sich zu haben. Bis ihr der Kragen platzt – und sie den ohnehin schon leicht überforderten Eltern den Rest gibt.
An diesem Punkt jedoch wissen die beiden noch einmal die letzten Kräfte aufzubringen und Lulu ihren entsprechenden Platz im Familiengefüge einzuräumen. Dieserart gestärkt kann Lulu dann die Nacht zum Tag machen und sich endlich ihr eigenes Dasein zurechtschnipseln. Tararabumbia!

(Heidi Lexe "Kröte de Monats Juni 2020, Stube at)